Türkei
Die türkische Opposition hat zu einem „Kaufstreik“ – bzw. eher Einkaufsboykott – als Protest gegen die Verhaftung des Oppositionspolitikers Ekrem Imamoglu aufgerufen. Ein Kaufstreik ist in einem Land mit sehr hoher Inflation – in der Türkei offiziell an die 50%, aber real vermutlich höher – ein geradezu natürliches, sich selbst fast schon aufdrängendes politisches Mittel.
Die türkische Regierung sieht das gar nicht gern. Ein Einkaufsboykott bedrohe „die wirtschaftliche Stabilität“, meinte Handelsminister Omer Bolat. „Die Boykottaufrufe sind ein Versuch, die Wirtschaft zu sabotieren, und beinhalten Elemente des unlauteren Handels und Wettbewerbs“, sagte der Minister dem staatlichen Rundfunksender TRT.
Ich hab da allerdings noch nicht ganz verstanden, inwiefern ein Einkaufsboykott unlauteren Handel bedeuten könnte. Vermutlich ist dem Minister da die Logik etwas durchgegangen. Oder es fehlt an Argumenten gegen die Opposition und man konstruiert da zusätzliche.
Was beweist der Minister? (1) Dass er die Opposition für mächtig hält. Und (2) dass die wirtschaftliche Lage miserabel ist. Beides hat miteinander zu tun. Weil die wirtschaftliche Lage miserabel ist, ist die Opposition mächtig. (Die wirtschaftliche Lage ist auch miserabel, weil die politische Lage so schlecht ist.)
USA
Auch die Politik von Trump 2.0 könnte man mit Einkaufsboykotten gut einbremsen, denke ich. Man könnte ja Produkte aus anderen Ländern statt dessen kaufen. Es wäre nur ein zielgerichteter Boykott gegen US-Produkte, wie ihn Trump 2.0 ja mit seinen Zöllen geradezu erbettelt.
Ja, Zölle sind Handelshindernisse. Aber „neu erfunden“ hat sie Trump 2.0. Wenn er sie will, muss er sie haben. Auf Gegenseitigkeit. Nur auf Gegenseitigkeit!
Österreich
Die Zeiten sind unsicher: die Leute geben weniger aus, die Sparquote steigt. Die Haushalte haben 2024 viel mehr Geld zur Seite gelegt als im Jahr zuvor. Das ist im Gegensatz zur Türkei kein Verhalten einer politischen Opposition, sondern eine normale Reaktion von Bürgerinnen und Bürgern.
Im letzten Jahr hatten die privaten Haushalte laut den Zahlen der Statistik Austria inflationsbereinigt 3,5 Prozent mehr Geld zur Verfügung als 2023. Die verfügbaren Einkommen summierten sich auf insgesamt 285,7 Milliarden Euro (gegenüber 267,5 Milliarden im Jahr zuvor), […]
In Österreich ist das kein politischer Boykott, sondern einfach vorsichtiges Verhalten, das die „Wirtschaftstreibenden“ (die Unternehmer*innen) aber ärgert und beängstigt. Insofern ist dieses Verhalten durchaus politisch.
Wir Konsument*innen!
Wir ganz gewöhnliche Menschen hätten / haben in unserer Rolle als Konsument*innen eine enorme politische Macht. Wir müssten sie nur etwas „koordinierter“ nutzen. Mit bewusstem, gezielten Kaufverhalten, zu dem auch der Boykott von Waren gehören kann, werden wir auch „Wirtschaftstreibende“, ein ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor. Das hat die türkische Opposition erkannt. Und die Regierung auch.
Die Nazis hatten das auch erkannt. Kaufboykotte sind auch für die politischen Gegner ein politisches Mittel. „Kauft nicht bei Juden!“, hieß das damals. Ich kaufe sowohl in Israel als auch in Palästina.